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Stellung der Verhüllung im Islam

  • Donnerstag 16 Februar 2017

    Stellung der Verhüllung im Islam

    Bismillāhi-r-Raḥmāni-r-raḥīm

    بِسْمِ اللَّهِ الرَّحْمَنِ الرَّحِيم


    Beschluss des Beratungsrates der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich für Glaubenslehre und religiöse Angelegenheiten zum Thema „Stellung der Verhüllung im Islam"


    Gemäß den Grundlagen des Islam, auf die sich die Lehre der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich beruft, hält der Beratungsrat einstimmig folgendes als Bestandteil ihrer Lehre fest:

    1.
    Für Muslime beider Geschlechter bestehen religiöse Kleidungsgebote. Für weibliche Muslime ab der Pubertät ist in der Öffentlichkeit die Bedeckung des Körpers, mit Ausnahme von Gesicht, Händen und nach manchen Rechtsgelehrten Füßen, ein religiöses Gebot (farḍ) und damit Teil der Glaubenspraxis. [1]

    Es liegt in der erzieherischen Verantwortlichkeit der Erziehungsberechtigten, ihre Kinder schon vor deren religiöser Verantwortlichkeit (taklīf), die mit der Pubertät beginnt, bereits an die islamische Glaubenspraxis heranzuführen. Ein freier Wunsch des Kindes, vor der Pubertät religiöser Praxis nachzugehen, ist positiv zu begleiten und darf nicht unterdrückt werden.

    2.
    Die Bedeckung des Gesichts und der Hände war eine religiöse Verpflichtung ausschließlich für die Frauen des Propheten, Allahs Segen und Friede auf ihm. Ihre Imitation für die Allgemeinheit der muslimischen Frauen wird von der Mehrheit der Rechtsschulen grundsätzlich als nicht verbindliche Handlung erachtet. In Bezug auf die Gesichtsbedeckung legt der Rat der muslimischen Frau aber nahe, die hiesige Tradition (ʿUrf) zu berücksichtigen und vom Tragen einer Gesichtsbedeckung abzulassen. Der Rat befürwortet und unterstreicht jedoch die persönliche Freiheit der einzelnen Frau, in ihrer Religionspraxis auch hiervon abweichende Auffassungen zu wählen. Dazu zählt auch die Freiheit der Minderheitenmeinung (Hanbaliten und ein Teil der Schafiiten) zu folgen, die auch die Gesichtsbedeckung als religiös geboten (farḍ) erachtet.

    3.
    Darüber hinaus hält der Beratungsrat fest, dass Frauen und Männer, die sich nicht an die religiösen Kleidungsgebote halten, keinesfalls von anderen abgewertet werden dürfen.


    Der Standpunkt des Beratungsrates stützt sich primär auf die Grundlagen des Korans, der Sunna und des Gelehrtenkonsenses (Iǧmāʾ), welche hier zur Verdeutlichung auszugsweise angeführt werden sollen. Zwei Koranverse (24:31 und 33:59) adressieren die Allgemeinheit der muslimischen Frauen (ab der Pubertät) auch hinsichtlich der gebotenen Aurabedeckung. „O Prophet! Sprich zu deinen Frauen und deinen Töchtern und zu den Frauen der Gläubigen, sie sollen ihre Übergewänder (Ǧalābīb) [sing. Ǧilbāb] reichlich über sich ziehen. [...]“ (33:59, nach Ibn Rassoul übersetzt). Zur Begriffsdeutung muss eingangs der arabische Sprachgebrauch der damaligen Zeit herangezogen werden, über welchen neben Überlieferungen auch in anerkannten klassischen arabischen Wörterbüchern und Lexika Aufschluss zu finden ist. Im Lisān al-ʿarab befindet sich hierzu: „das Ǧilbāb ist ein Kleidungsstück, größer als das Ḫimār (Kopftuch), kleiner als das Ridā, mit dem die Frau ihren Kopf und ihre Brust bedeckt.“

    Am Anfang des zweiten Verses heißt es ungefähr übersetzt: „Und sag zu den gläubigen Frauen, sie sollen ihre Blicke senken und ihre Scham hüten, ihren Schmuck nicht offen zeigen, außer dem, was (sonst) sichtbar ist. Und sie sollen ihre Kopftücher (Ḫumur) [sing. Ḫimār] auf den Brustschlitz ihres Gewandes schlagen und ihren Schmuck nicht offen zeigen, [...]“ (24:31, nach Bubenheim übersetzt). Ḫimār kann hier durchaus mit Kopftuch übersetzt werden. Im klassischen arabischen Wörterbuch al-Qāmūs al-muḥīṭ heißt es beispielsweise zur Bedeutung von Ḫimār: „Alles, was das Haupt bedeckt.“ In diesem Sinne wurde es für die Kopfbedeckung von Mann und Frau verwendet, wie auch im Bericht über die Prophetenpraxis: „Der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Friede auf ihm, überstrich seine Fußbekleidung (Ḫuffain) und Kopfbedeckung (Ḫimār) [bei der rituellen Reinigung].“ (Muslim, Nr. 275; u.a.)

    Derartig wurde dieser Koranvers bei seiner Herabsendung offensichtlich auch von sämtlichen Musliminnen der ersten Generation verstanden. „Aischa, möge Allah mit ihr zufrieden sein, sagte: ‚Als dieser Vers herabkam: „Und sie sollen ihre Kopftücher auf den Brustschlitz ihres Gewandes schlagen“ haben wir von unseren (großen) Hüfttüchern (od. Untertüchern – sing. Izār) etwas vom Rand abgetrennt und damit unsere Köpfe bedeckt.’“ (al-Buḫārī, Nr. 4759; u.a.) Kopftücher wurden zwar teilweise auch schon zuvor lose nach hinten hängend getragen [2]. Mit diesem Vers wurde den Frauen aber die Kopfbedeckung geboten, sowie deren Enden über ihr Dekolletee zu schlagen um auch dieses zu bedecken.

    Gemäß einer weiteren Überlieferung suchte eine junge, hübsche Frau Auskunft beim Propheten, Segen und Friede auf ihm während der großen Pilgerfahrt. Der mit ihm anwesende, ebenfalls junge Gefährte, al-Faḍl ibn ʿAbbās starrte sie dabei unaufhörlich an. Deshalb drehte der Prophet, Segen und Friede auf ihm, den Kopf des jungen Gefährten sanft in eine andere Richtung und beantwortet dann ihre Frage. (Vgl. al-Buḫārī, Nr. 6228 und Kommentar von Ibn Ḥaǧar; Muslim, Nr. 1334; u.a.) Das Gesicht der schönen jungen Frau war offensichtlich unbedeckt. Anstelle die Frau aber zur Gesichtsbedeckung aufzufordern, unterstrich der Prophet, Segen und Friede auf ihm, die Einhaltung des Gebots (Koran 24:30), Frauen nicht mit aufdringlichem, unziemlichem Blick anzustarren.

    Bereits die Generation der Prophetengefährten und die Gelehrtengenerationen danach, sowohl Männer als auch Frauen, waren sich über die Kopfbedeckung der Frau als islamisches Gebot (farḍ) einig. Dieser Gelehrtenkonsens (Iǧmāʿ) ist neben Koran und Sunna im islamischen Rechtsverständnis eine weitere wichtige Quelle und unterstreicht die Sicherheit dieses Gebots.


    Im Namen des Beratungsrates der IGGÖ,
    Mufti Mustafa Mullaoglu


    [1] Es handelt sich beim Kopftuch und generell bei der Kleidung der muslimischen Frau nicht um ein politisches oder religiöses „Symbol“, so wie auch eine lange Badehose beim männlichen Muslim kein religiöses Symbol ist, sondern lediglich den Zweck hat, die religiös gebotene (farḍ) Bedeckung der Aura des Mannes (mehrheitlich von Nabel bis Knie) zu erfüllen!

    [2] Vgl. Tafsīr al-Qurṭubī zum Vers. 

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